Mitten in der Nacht hatte sie angerufen. Sie war allein. Sehnsucht nach den herrlichen Tagen dieses Sommers und den heißen Nächten. Er war überrascht, ihre Stimme zu hören und es verschlug ihm die Sprache, weil er glaubte, alles sei nur ein kurzer schöner Traum gewesen. Doch sie sprach jetzt so, als wäre nie das Wort Abschied gefallen.
„Ich möchte dich spüren, dich in den Arm nehmen“, flüsterte sie am anderen Ende der Leitung.
„Ich auch…“. Mehr brachte er nicht hervor.
„In Gedanken spüre ich deine Haut auf der meinen. Spüre deine Wärme und unsere Hitze. Ich will dich auf, über, unter und in mir spüren…“
Was sollte er da noch hinzufügen. Sie sprach seine Wünsche aus. Wünsche und Hoffnungen, die er nie vergraben hatte, auch nicht am Ende des Sommers, den sie wie einen Abschied für immer zelebriert hatte. Wie sehr hatte er auf ihren Lippen nach Sätzen der Hoffnung gesucht.
Sätze und Fragen wie: Wann sehen wir uns wieder? Kommst du zu mir? Oder soll ich zu dir kommen?
Doch sie sagte kein Wort. Sie nahmen sich in die Arme, küssten sich und gingen in zwei Richtungen fort, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das war’s. Und er war sich sicher: Das war das Ende!
Und nun sprach sie Worte am Telefon, die er kaum verstand. Er war so aufgeregt, dass er ihr nicht einmal diesen Zustand hätte beschreiben können.
Sie schwieg. Er wartete. Doch sie schwieg beharrlich. War das alles gewesen? Wollte sie mit ihm spielen? Testen ob er sie noch liebte? Es war ganz still. Nur ab und zu knackte und rauschte es leise in der Leitung, so, als sollte das ächzende Geräusch ihm nur verkünden, dass sie am anderen Ende noch da war.
„Ich komme!“, sagte er so plötzlich, dass sie wohl erschrak.
„Nein!“ schrie sie.
„Doch, ich komme.“
„Nein, das geht nicht…“
„Warum nicht?“
„Es ist schon spät in der Nacht…“
„Na und?“
„Es regnet!“, flüsterte sie.
„Ich komme ja nicht zu Fuß.“
„Die Straßen sind glatt. Das Laub ist nass und glitschig.“
„Ich fahre vorsichtig und langsam.“, versprach er.
Es entstand eine Pause.
„Ich fahre jetzt!“, sagte er in die Stille hinein.
„Nein…“
Ihre Stimme bebte. Sie rang nach einer Antwort. Er wartete. Man hörte sie tief atmen.
„Komm morgen!“. Es klang wie ein Befehl.
„Wann?“. Er wirkte enttäuscht. Dabei war ihre Einladung doch ein vernünftiger Vorschlag. Sie wollte ihn bei sich haben und wollte jede Gefahr vermeiden, die bei Nacht und im Regen auf der weiten Strecke lauerte. Das war doch ein vernünftiger Vorschlag.
„Zum Frühstück!“, flüsterte sie. Und wieder glaubte er, das Vibrieren ihrer Stimme zu spüren.
„Ja!“, sagte er leise. „Ich bringe frische Brötchen mit.“
„Schön. Das ist eine gute Idee.“. Sie wirkte erleichtert. Die Fahrt bei Nacht und Regen hatte ihr Angst gemacht. Vielleicht auch seine Spontaneität. Sicher brauchte sie Zeit sich vorzubereiten, denn der Wunsch ihn bei sich zu haben war plötzlich über sie gekommen, allen vorhergegangenen Vorstellungen zum Trotz. Jetzt konnte jeder von ihnen sich in Ruhe mit dem Gedanken vertraut machen, dass das Ende des Sommers vielleicht doch nicht das Ende war.
„Schlaf gut,“, wünschte sie ihm „und ruhe dich aus, die Fahrt morgen ist anstrengend bei diesem Wind und Regen.“
„Jetzt werde ich gut schlafen. Ich freue mich auf dich!“ Dann korrigierte er sich. „Ich freue mich auf uns…“
Sie lächelte leise.
„Ich küsse dich!“.
„Ich küsse dich zurück…“.
Klick, das Auflegen des Hörers war diesmal nicht schmerzhaft. Es gab wieder Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.
Gab es die?
Konnte es die geben?

Zehn Minuten später rief er an.
„Ich kann nicht schlafen. Freue mich so…“.
„Ich freue mich auch und bin aufgeregt wie vor unserem ersten Treffen. Doch du musst jetzt schlafen. Du hast morgen eine lange Fahrt vor dir…“.
„Ja, ich weiß.“.
„Stelle dir vor ich läge in deinen Armen.“.
„Eine herrliche Vorstellung. Doch die Realität ist grausam. Meine Arme sind leer!“.
„Schlaf jetzt. Stelle dir vor ich läge da in deinen Armen. Ich tue es auch. Gute Nacht!“. Es klang wie ein Befehl.
„Gute Nacht!“.
Diesmal klang das Auflegen des Hörers nicht mehr so endgültig. Hoffnung. Vorfreude. Er musste lachen.
„Wir sind wie verliebte Kinder.“, flüsterte er. Selbstgespräche. Dialoge der Einsamkeit. Sein Lachen klang etwas bitter.

Die Anrufe im Zehn-Minuten-Takt wiederholten sich noch ein paar Mal im Wechsel. Beide konnten nicht schlafen. Doch irgendwann schliefen sie dann doch. Jeder allein in seinem Bett und doch schlief in Gedanken keiner wirklich mehr allein…

  • Art Erzählung
  • Jahr 2007